Lichtäther

Conegliano, 27. 10. 2014

Zweiter Vortrag eines Zyklus‘ von insgesamt vier Konferenzen von Heinz Grill

kristall-transparent1Mit dem Licht öffnet sich der Raum. Und auch die Welt öffnet sich, wenn am Morgen der Sonnenaufgang die Nacht erhellt. In der Nacht sind die Formen undifferenziert, die Konturen sind verschwommen. Der Lichtäther ist die Kraft des Lichtes, nicht das physische äußere Licht. Die innere Kraft des Lichtes ist für das Auge nicht sichtbar, sie ist nur mittels einer bestimmten Schulung wahrnehmbar. Dies ist so, weil der Äther nicht von der Materie abstammt, und somit anderen Gesetzen als die der Physis unterliegt. Diese sehr versteckten Gesetze sind sehr wichtig für das Studium. Äther ist immer ein Element, das etwas gestaltet, erschafft. Um die Äther zu studieren, muss man fast ein bisschen hellseherisch werden, denn sie sind nicht sichtbar für die Sinne. Studieren kann man die Äther immer dann, wenn wir Fragen stellen wie: „Was verbirgt sich in der Tiefe eines Phänomens oder einer Pflanze?“
Kehren wir zurück zu den in der letzten Konferenz erwähnten drei Seelenkräften: dem Wollen, Fühlen und Denken. Jede Seelenkraft muss ihren richtigen und eigenständigen Platz einnehmen. Die Seelenkräfte müssen sich zu einem gewissen Grad von einander absondern. Wenn sich der Wille zu sehr ins Denken einmischt, können wir nicht den klaren Gedanken finden. Auch wenn die Emotionen zu stark sind, blockiert dies sofort den Sinnesprozess. Die Sinne müssen sehr frei sein, auch vom physischen Körper. Aber wie ist es möglich, eine Situation zu erschaffen, in der man mit den Sinnen wahrnimmt und gleichzeitig ein wenig frei vom physischen Körper ist? Wenn wir einen Fortschritt machen wollen, müssen wir auf der physischen Körperebene mit den an den Körper gebundenen Emotionen und Willen einen gewissen Verzicht üben. Ohne einen gewissen Verzicht ist es nicht möglich, einen neuen Schritt zu erschaffen.

Zwei Pole

Eines der Grundgesetze des Äthers ist, dass es immer zwei Pole gibt, wir haben die Nummer zwei. Auf der einen Seite will der Äther oder die Ätherkraft das Leben und die Kreativität des Lebens beschreiben. Welche sehr wichtige Kraft haben wir auf der anderen Seite? Wir haben den Tod. Das Leben ist abhängig vom Tod. Ein Beispiel: Was passiert jetzt? (Heinz lässt ein Stück Kreide herunterfallen) Der Platz, den zuvor die Kreide eingenommen hat, ist nun frei, leer. Wir können sagen, dass der Tod wie ein fallender Körper ist, in diesem Moment wird der Raum frei. Das ist wichtig. Und die Komplementarität der beiden Pole ist charakteristisch für die Äther. Etwas muss sterben, etwas anderes kann entstehen. Zur Vertiefung dieses Aspekts, müssen wir daher ein bisschen die Situation von sterben und geboren werden, neu erschaffen. Es gibt immer zwei, das ist das erste Gesetz, das sehr entscheidend ist.
Um den Lichtäther wahrzunehmen, benötigen wir immer Unterscheidungsvermögen: was müssen wir aufgeben und was muss wachsen. Aber es ist nicht sehr schwierig, es gibt immer etwas, auf das wir verzichten können. Dies ist nicht als strenge Askese gemeint, wir flüchten nicht aus der Welt. Der Verzicht, der hier gemeint ist, soll vielmehr als Hilfe für das ganze Leben verstanden werden. Erbauen wir einige Gedanken in der Konzentration, das ist der Prozess der Selbsterziehung mit Gedanken, und lassen wir bestimmte Teile, die nicht geeignet sind, zurück.

Bleiben wir für einige Zeit mit einem Gedanken, mit einer Idee, außerhalb des physischen Körpers und außerhalb von Emotionen und Begierden. Dies ist immer die Basis. Für jede Übung müssen wir etwas aufgeben. Es muss ein kleines Sterben in uns geschehen um in diesen Raum oder Weite zu gelangen, in dem sich eine neue Atmosphäre öffnet. Aus der bewussten Idee heraus können wir in eine konkrete Beziehung zu dem Objekt gehen. Dies ist die Grundauffassung des Lichtäthers. Rudolf Steiner bezeichnete ihn auch als den Prozess des Lichts im menschlichen Wesen, der sich auf das Wahrnehmen, Denken und Fühlen bezieht.

Differenzierung

Wie bereits am Anfang erwähnt, differenziert das Licht. Mit dem Sonnenaufgang auf der Erde differenzieren sich die Formen. Pflanzen, die viel Licht erhalten, wie in den Bergen, sind sehr strukturiert und differenziert. Wenn wir das Bild von einem Getreide nehmen, sehen wir eine sehr zarte, sehr verfeinerte Struktur, die nicht nur aus der Pflanze, aus dem Wachstum entstammt, sondern aus dem Licht. Es ist eine kosmische Kraft, die zur Pflanze kommt und deren Struktur erschafft.
Das Licht der Welt kann in voller Stärke sein, aber wenn wir das Licht etwas genauer betrachten, können wir sehen, dass es möglicherweise ein Hindernis gibt, wir sehen, dass das Licht nicht wirklich jeden einzelnen Teil der Pflanze berührt. In diesem Jahr ist dies häufig der Fall, mit ein wenig Beobachtung ist spürbar, dass das Licht die einzelnen Teile der Pflanze nicht berühren will. Aus diesem Grund hatten wir dieses Jahr tatsächlich einen Mangel an Kieselsäure, denn es ist die Kieselsäure diejenige Substanz, die in jedem Moment der Berührung mit dem Licht entsteht. Es fehlen Struktur, Details, Differenzierung. Lichtäther und Differenzierung sind auch wichtig in der Medizin, weil jede Zelle die Kraft zur Differenzierung braucht. Verliert die Zelle die Differenzierung, beginnt sie ohne Form zu wuchern. Auch wenn in unserem Leben die Differenzierung in der Seele zwischen Denken, Fühlen und Wollen fehlt, kommt kein Licht in uns hinein, wir erschaffen ein Hindernis.
Der Feueräther bringt alles in eine Ordnung. Wenn alles an seinen idealen Platz ist, gelangt der Feueräther in jede Zelle. Der Lichtäther erschafft Struktur, er will alle Formen ausdifferenzieren, möchte sehr, sehr feine Strukturen kreieren. Der Lichtäther lässt die Pflanze nicht wachsen, jedoch wird die Struktur der Pflanze geschaffen.

Differenzierung in der Pädagogik

Wir können nie sagen: „das ist die absolute Wahrheit“. Es gibt immer verschiedene Gesichtspunkte und diese müssen wir ein bisschen hervorheben. Wenn wir nur sagen: „das ist die Wahrheit!“ gibt es keinen Dialog. Mit diesen starken Worten können wir jedes Licht, welches entstehen möchte, verhindern. Auch hier müssen wir eine Gliederung schaffen und dies geschieht, wenn wir zum Beispiel sagen, um wessen Ansicht es sich handelt. Das kann meine persönliche Sichtweise sein, die der Wissenschaft, der Anthroposophie, etc.. Dies ist eine Differenzierung. Im Bereich der Pädagogik ist sie sehr wichtig, denn wir müssen die verschiedenen Ansichten an einen angemessenen Platz stellen.
Wir dürfen keine Situation ohne Unterscheidungsvermögen schaffen. Auch für den Frieden in der Welt ist dies sehr wichtig. Wenn wir zum Beispiel eine Kritik üben, können wir sagen: „Du hast diese Sache nicht gut gemacht. Ich bin nicht zufrieden wie du die Sache gemacht hast.“ Diese Kritik betrifft nur die Aktion, die jemand gemacht, nicht die Person. Aber wenn ich sage, „Du bist einfach nur schlecht“, dann entwerte ich den ganzen Menschen in seiner Würde. Und ich gehe sofort gegen diese Person. Ich habe die Dinge nicht unterschieden. Die Person wird sich im Selbstwertgefühl vermindert fühlen. Aber wenn wir das Licht, das für alle scheint, erstrahlen lassen und eine Differenzierung zwischen der Person selbst und seinen Handlungen machen, können wir eine konstruktive und hilfreiche Kritik zum Ausdruck bringen. Es handelt sich um eine Gliederung, die alle verschiedenen Aspekte an ihren richtigen Platz stellt. Die Gliederung lässt Licht herein und der Raum wird in diesem Moment erweitert. Gandhi sagte zum Beispiel zu den Briten: „Wir Inder wollen unabhängig sein“ und er zeigte seinen Standpunkt sehr kraftvoll. Aber er sagte auch: „Aus diesem Grund müssen wir keine Feinde sein, dies ist ein anderer Teil. Aber die Unabhängigkeit, die wollen wir erreichen, sie ist wichtig für uns.“
Für die Moral gilt ein ähnlicher Zusammenhang. Wir haben einen moralischen Sinn und wir haben auch das Gegenteil: den moralisierenden Sinn. Spricht man immer von Moral, wird dies oft zur Moralisierung. Die Moral erhöht sich automatisch, wenn der moralisierende Sinn seinen Platz im Stoffwechsel einnimmt, Moralisierungen steigen jeden Moment auf, wir wollen immer Vorurteile abgeben, negative Bewertungen, Kritiken usw.. Eine Zusammenarbeit ist nur ohne moralisierenden Sinn möglich. Die Moral erhöht sich jedoch automatisch mit der Entwicklung von Ideen und wertvollen Zielen. Das gleiche gilt für die Äther: sie erhöhen sich automatisch und indirekt durch geeignete Gedanken. In dem Moment, wo wir die Äther zwingen, verstecken sie sich sofort. Es gilt ein wichtiges Gesetz: wir müssen die Äther in Ruhe lassen. Ansonsten entweichen sie, wenn wir den Willen oder eine bestimmte Überanstrengung gebrauchen.

mini_rose_6_5_red_webBetrachtung einer Rose

Erste Phase

Nehmen wir die Rose für eine Übung. Der erste Schritt ist, sich in Richtung des Objekts zu bewegen, und zwar durch dessen Betrachtung. Die Betrachtung müssen wir immer mit einem Gedanken oder einer Frage begleiten. Wir können zum Beispiel die Frage mit einer der folgenden Eigenschaften stellen: wie ist das Licht, das Wachstum, die Atmosphäre, die Formen, der Feueräther, etc.. Viele Gedanken sind möglich. Der Gedanke führt unsere Wahrnehmung und Bewusstseinsaktivität. Diese Phase haben wir schon das letzte Mal ausgeführt. Wir brauchen hierfür 2-3 Minuten, nicht mehr, denn wenn es zu viel wird, kann es passieren, dass die Sinne verloren gehen.

Zweite Phase

Geübt hatten wir beim letzten Mal auch den zweiten Schritt, die Erinnerung. Wir erinnern uns an das, was wir gesehen haben. Erinnerung bedeutet, dass wir in unserem Gedächtnis das Bild des Objekts wiederherstellen. Dieses Wiederaufbauen des Bildes ist wichtig, weil wir damit aktiv ein genaues, getreues und somit objektives Bild in der Vorstellung erschaffen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass wir mit dieser Übung in unseren subjektiven Gefühlen bleiben, ohne das Objekt wirklich zu sehen. Ich könnte zum Beispiel die rote Rose mit dem Feueräther assoziieren, weil rot ein Zeichen der Wärme ist. Auf diese Weise befinden wir uns sofort in der Spekulation, denn wir sind im Subjektiven. Aus diesem Grund schauen wir in der Phase der Erinnerung nicht mehr das Objekt an, wir lassen es beiseite, und erinnern uns, wir bauen dieses Bild in der Erinnerung wieder auf. Diese zweite Phase führen wir für ein, zwei, drei oder sogar fünf Minuten aus.

Wenn wir uns nicht gut an das Bild erinnern können, öffnen wir die Augen und betrachten das Objekt wieder. Welche Form ist sichtbar, welche Farbe, wie ist der Rhythmus Blätter, wie ist der Rhythmus der Strukturen, etc. . ? Wenn wir uns genug erinnern, lebt dieses Bild um uns herum, es lebt vor uns.

Die dritte Phase

Für den dritten Schritt, unsere Meditation, verbleiben wir mit dem auf diese Weise erstellten Bild und fügen einen Gedanken hinzu. Wir betrachten das Bild des Objekts und den Gedanken gleichzeitig. Wir praktizieren die Meditation für etwa 15 Minuten. Wenn wir nur dieses Objekt betrachten, haben wir keinen Gedanken. Der Gedanke ist sehr wichtig, weil der Gedanke die nächste Tür öffnet. Wenn wir nur das Objekt haben und den Äther gerne sehen würden, dann funktioniert das nicht, weil wir keine Linie haben. Der Gedanke ist fast wie der Schlüssel, denn es ist so, dass der Gedanke wie die Äther von der Sonne kommt. Die Sonne ist die Quelle für die Äther. Die Sonne ist die Schöpferkraft, diese liegt der Sonne inne. Die Sonne bringt das physische Licht und in dem physischen Licht wohnt das ätherische Licht. Und dieses ätherische Licht tut etwas. Dieses ätherische Licht bringt immer die Idee. Im Lichtäther lebt die Idee. Aus diesem Grund müssen wir immer einen Gedanken zu der Betrachtung hinzufügen, denn dieser Gedanke ist wie der Schlüssel, der das Schloss öffnet. Nicht aus dem Objekt heraus strahlt der Äther, sondern aus dem hinzugefügten Gedanken erstrahlt dieses neue Licht. Ein Raum öffnet sich aus dem Gedanken. Das dürfen wir nicht vergessen.

Welchen Gedanken wählen wir?
Wenn wir den Lichtäther sehen wollen, dann können wir einen sehr einfachen Gedanken nehmen. Wir können den Gedanken wählen: „Wie ist die Zartheit, wie ist die Struktur?“ Die Struktur kann zarter oder kompakter sein. Dieser Gedanke ist sehr nah am physischen Element. Er ist sehr leicht verständlich. Wir können nur einmal diesen Gedanken einsetzen und wir werden verschiedene Ausdrücke des Objekts sehen.

solenew5blue2Wir können auch einen anderen Gedanken wählen. Der Lichtäther besitzt ein Symbol, das an die Sonne erinnert. Es ist wie die Sonne. Es gibt einen Punkt und Strahlen. Der Punkt ist zentriert, die Strahlen sind sehr leicht, wie die Sonne, die alles mit ihren Strahlen nach außen hin bescheint. Für die Übung müssen wir jetzt dieses Symbol gedanklich an die Pflanze hinzugeben. Wir können es uns an der Pflanze vorstellen und zwar an einem bestimmten Teil der Pflanze, das kann ein Blatt sein oder die Frucht, das ist gleich. Wir stellen uns nur dieses Bild, das fast wie eine Sonne ist, an einem bestimmten Punkt der Pflanze vor. Normalerweise denken wir, die Sonne sendet die Strahlen auf die Erde, aber für den Lichtäther ist das anders, denn dieser entsteht in jedem Moment. Er ist abhängig von der Sonne, aber auch von den Gedanken und Gefühlen der Menschen, von verschiedenen Erscheinungen. Wir müssen dieses physisch materielle Bild, dass die Sonne außerhalb ist und auf die Erde strahlt, überwinden. Auf der physischen Ebene ist das so, in der Wissenschaft ist das immer so, aber für die Äther ist das nicht so. Für die Äther gilt, dass diese Sonne in jedem Punkt erweckt werden kann. Wenn wir ein wenig Licht im Raum haben, kann in jedem Punkt dieser Lichtäther entstehen, wie die Sonne. Die Sonne ist nicht nur außerhalb im Kosmos, die Sonne lebt mit den Äthern in jedem Punkt. Deshalb können wir dieses Symbol an die Pflanze, an die Frucht oder an die Tomate anbringen. Der Lichtäther macht immer diese Bewegung, so: Heinz macht eine Geste mit den Händen, wie ein Funke, der sich schnell nach außen öffnet. Er kommt nicht von der Sonne, aber er kommt aus jedem Punkt. Wenn ich einen Punkt betrachte, dann entsteht dort dieser Lichtäther.

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Betrachtung einer Tomatenpflanze

Wenn wir uns dieses Symbol an der Tomate vorstellen, was könnte ein mögliches Ergebnis sein? Was ist der Unterschied zur Rose?
Antwort: Es ist ein bisschen anders herum, die Tomate scheint nicht sehr lichthaft.
Heinz: Ja, es ist ein bisschen das Gegenteil. Die Tomate versteckt sich, sammelt so gut wie alles. Während die Rose anders ist, so als ob sie sich öffnet. Wir können das sofort fühlen, dass es einen großen Unterschied gibt. Mit ein bisschen Konzentration ist es auch möglich zu sehen, wie dieser Lichtäther lebt. Es gibt typische Pflanzen, die sich vor dem Licht verstecken, wie die Kartoffel und die Tomate und wir haben aber auch Pflanzen wie die Getreide, die sehr, sehr lichthaft sind, sehr offen für das Licht, sehr zart mit Grannen, die wie Antennen für das Licht sein wollen, so als ob sie das Licht wahrnehmen wollen.
Die Getreide sind völlig anders als die Tomate. Es ist ein wenig schwierig in Italien, etwas gegen die Tomate zu sagen, weil sie immer auf jedem Tisch anzutreffen ist. Wenn wir die Tomate mit dem Gedanken „Wie ist ihre Struktur?“ betrachten, haben wir danach den Eindruck, dass es sich um eine kompakte Struktur handelt, auch eine Struktur, dass die gesamte Pflanze sich nicht viel zum Ausdruck bringen will. Man kann sehen: sie kommt uns nicht entgegen, sie versteckt sich ein wenig. Die Verhaltensweise ist die des Zurückhaltens der eigenen Kraft und nicht die des Zusammenwirkens mit der äußeren Sphäre. Mit diesem Gedanken können wir eine kleine Tür öffnen. Wir können auch den Gedanken der kleinen Sonne an der Pflanze nehmen, oder die Frage: „Wie kommt uns eine Pflanze, eine Person entgegen?“. Aber es ist wie ein Eindruck, nicht körperlich.pomodoro

emmer

übersetzt von Caterina

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